Viele Menschen denken bei Märchenautor:innen zuerst an die klassischen Namen: die Brüder Grimm, Hans Christian Andersen, Wilhelm Hauff oder Ludwig Bechstein. Sie sind bis heute vor allem durch ihre Märchensammlungen bekannt, auch wenn sie daneben noch andere Texte veröffentlicht haben.
Doch die Gattung ist keineswegs abgeschlossen. Auch im 20. und 21. Jahrhundert sind neue Märchen entstanden – mal poetisch, mal humorvoll, mal traditionell, mal experimentell. Diese Seite versammelt einige bekannte und weniger bekannte Namen, die mit Märchen zu tun haben.
Inhalt
Zeitgenössische Märchen
Die große Blütezeit des Märchens lag im 19. Jahrhundert – geprägt durch Volksmärchen, Kunstmärchen und berühmte Märchensammlungen. Doch auserzählt ist die Gattung bis heute nicht. Auch in neuerer Zeit entstehen immer wieder Märchen in sehr unterschiedlichen Formen.
- Astrid Lindgren – Märchen
- Michael Ende – Die Zauberschule und andere Geschichten
- Erich Kästner – Der gestiefelte Kater (Nacherzählung), Erich Kästner erzählt
- Paul Maar – Der tätowierte Hund, In einem tiefen, dunklen Wald
- Otfried Preußler – Zwölfe hat’s geschlagen, Die Abenteuer des starken Wanja
- Joanne K. Rowling – Die Märchen von Beedle dem Barden
- Folke Tegetthoff – Kräutermärchen
- Rolf Gozell – Märchenhörspiele für das Deutschlandradio, z. B. Prinzessin Maria vom Meere
- Christian Peitz – Märchenhörspiele (Podcast): moderne Kunstmärchen zum Hören, u. a. Der Märchenprinz und Die Teppichprinzessin
Kurzportraits von Autor:innen
Diese Auswahl zeigt: Es gibt etliche Autorinnen und Autoren, die heute eher für Romane, Kinderbücher oder Fantasy bekannt sind – und bei denen leicht übersehen wird, dass sie auch Märchen geschrieben, bearbeitet oder neu erzählt haben. Einige von ihnen werden hier mit Blick auf ihre Märchen vorgestellt.
Charles Dickens
Charles Dickens (1812–1870) war ein englischer Schriftsteller, der vor allem für seine Sozialromane wie Oliver Twist bekannt wurde. Große Berühmtheit erlangte auch sein Werk Der Weihnachtsabend – Ein Weihnachtslied in Prosa, das viele märchenhafte Elemente enthält. Die Geschichte um den Geizhals Ebenezer Scrooge wurde vielfach bearbeitet und verfilmt.
Daneben gibt es aus Dickens’ Feder auch direktere Märchenarbeiten. Seine Ferienmärchen sind eine klassische Kunstmärchensammlung.
Buch-Empfehlungen: Der Weihnachtsabend; Ferienmärchen
Michael Ende
Michael Ende (1929–1995) war der Sohn des surrealistischen Malers Edgar Ende und wurde vor allem durch seine beiden Jim Knopf-Romane bekannt. Auch Werke wie Momo, Die unendliche Geschichte und Der Wunschpunsch enthalten märchenhafte Motive, werden wegen ihres Umfangs und ihrer Komplexität aber meist eher der Fantasy zugeordnet. Michael Ende selbst hat in Bezug auf Momo den Begriff Märchenroman verwendet.
Seine eigentlichen Märchen sind bei weitem nicht so bekannt wie seine Romane. In der Sammlung Die Zauberschule und andere Geschichten sind sie zusammengetragen. Dazu gehören etwa Das Traumfresserchen oder die Dornröschen-Variante Die Geschichte von der Schüssel und dem Löffel.
Buch-Empfehlung: Die Zauberschule
Erich Kästner
Erich Kästner (1899–1974) war vor allem Autor realistischer Kinderbücher wie Das doppelte Lottchen, Das fliegende Klassenzimmer, Emil und die Detektive oder Pünktchen und Anton. Er hat aber auch fantastische Bücher geschrieben, zum Beispiel Die Konferenz der Tiere oder Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee.
Seine Neubearbeitungen von Märchen und Sagen haben durchaus Bekanntheit erlangt, stehen aber im Schatten seiner „großen“ Kinderbücher. Kästner bearbeitete unter anderem Till Eulenspiegel, Baron Münchhausen und Der gestiefelte Kater. Gerade seine Fassung des letztgenannten Volksmärchens ist durch ihre klare, augenzwinkernde Sprache ein großes Lesevergnügen.
Buch-Empfehlungen: Der gestiefelte Kater; Erich Kästner erzählt
Astrid Lindgren
Die schwedische Autorin Astrid Lindgren (1907–2002) gehört zweifellos zu den weltweit bekanntesten Kinderbuchautorinnen. Bücher wie Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter oder Kalle Blomquist wurden in zahllosen Auflagen und Übersetzungen veröffentlicht und waren wegweisend für die Kinderliteratur.
Nebenher hat Astrid Lindgren immer wieder auch Märchen geschrieben, die mal gruselig, mal rührend sind und einige Bezüge zur nordischen Märchenwelt haben.
Buch-Empfehlung: Märchen
Paul Maar
Paul Maar (geboren 1937) verbindet man auf den ersten Blick eher mit seiner bekanntesten Kinderbuchfigur, dem Sams, als mit Märchen. Einen Ausflug in die orientalische Märchenwelt hat er im Kinderroman Lippels Traum unternommen.
Geht man im Werk etwas weiter zurück, stößt man auf die Geschichtensammlung Der tätowierte Hund (1968), die unter anderem eine wunderbare, aus Sicht der Hexe erzählte Version von Hänsel und Gretel enthält. Auch die Sammlung Kreuz und Rüben, Kraut und quer enthält kleine Märchen, und mit In einem tiefen, dunklen Wald hat Paul Maar ein größeres märchenhaftes Werk vorgelegt.
Buch-Empfehlungen: Der tätowierte Hund; In einem tiefen, dunklen Wald
Otfried Preußler
Otfried Preußler (1923–2013) hat sich vor allem durch Der Räuber Hotzenplotz, Die kleine Hexe, Das kleine Gespenst, Der kleine Wassermann und Krabat einen Namen gemacht. Vor allem Krabat deutet bereits auf Preußlers Märchen- und Sagenaffinität hin. Der Roman beruht auf verschiedenen Volkssagen aus der Lausitz, die Preußler zu etwas Neuem verwoben hat.
Ähnlich ist er in Die Abenteuer des starken Wanja vorgegangen. Hier hat er Motive aus verschiedenen russischen Volksmärchen zu einem Märchenroman verwoben. Auch Bücher wie Die kleine Hexe oder Der kleine Wassermann lassen sich in diesem Zusammenhang betrachten, denn hier wurden sagenhafte Fabelwesen zu Kinderbuchhelden. Zwölfe hat’s geschlagen wiederum ist ein Märchen- und Sagenbuch, in dem Preußler Stoffe aus unterschiedlichen Regionen neu erzählt hat.
Buch-Empfehlungen: Zwölfe hat’s geschlagen; Die Abenteuer des starken Wanja
Joanne K. Rowling
Die englische Autorin Joanne K. Rowling (geboren 1965) wurde innerhalb weniger Jahre zu einer der bekanntesten Kinderbuchautorinnen der Welt. Wegbegleiter war ihre Romanfigur, der Zauberlehrling Harry Potter.
Als Nebenprodukt dieser Romanwelt veröffentlichte sie 2008 das Märchenbuch Die Märchen von Beedle dem Barden. Beedle ist dabei ein fiktiver Märchensammler, der ein wenig an die Brüder Grimm erinnert. Anders als in vielen Volksmärchen handeln diese Geschichten jedoch von Zauberern selbst. Sie geraten in schwierige Situationen, die am Ende gerade nicht durch Zauberei gelöst werden.
Buch-Empfehlung: Die Märchen von Beedle dem Barden
J. R. R. Tolkien
J. R. R. Tolkien (1892–1973) ist einer der bedeutendsten Autoren der Fantasy-Literatur. Sein für die Entwicklung der Gattung wegweisender Roman Der Herr der Ringe ist weltberühmt, ebenso wie das Kinderbuch Der Hobbit, das zugleich eigenständig ist und als Vorgeschichte zu Der Herr der Ringe gelesen werden kann.
Tolkiens großes Interesse galt der Sprache. Seine Mittelerde-Welt baute er unter anderem auf der von ihm entwickelten Kunstsprache „Elbisch“ auf. Bevor er diese Welt ausarbeitete, schrieb er Märchen, die zum Teil bereits auf sein späteres Werk vorausdeuten. Zugleich sind diese Texte sehr eigenständig und decken stilistisch eine große Spannweite ab: von ironisch bis poetisch, von philosophisch bis zauberhaft.
Buch-Empfehlung: Geschichten aus dem gefährlichen Königreich