Im Deutschen wurde früher das Du in der schriftsprachlichen Kommunikation großgeschrieben – ganz selbstverständlich. Heute gilt die Kleinschreibung als Regel- Zwar darf man in Briefen und E-Mails Du, Dir und Dein auch großschreiben, es ist aber ein Kann, kein Muss und tatsächlich kaum noch üblich. Ein Detail, könnte man meinen. Aber ist es wirklich nur das?
Ich schreibe Du groß. Und das hat Gründe.
Sprache ist mehr als Grammatik
Sprache ist Beziehung. Sie transportiert nicht nur Information, sondern Haltung. Wenn ich Du schreibe – groß, sichtbar, hervorgehoben – dann tue ich das nicht aus Versehen oder Unkenntnis, sondern ganz bewusst. Es ist eine Entscheidung für etwas, das in unserer Zeit nicht selbstverständlich ist: Für das Gegenüber.
Denn wir leben in einer Welt, die stark vom Ich geprägt ist. Selbstverwirklichung, Selbstdarstellung, Selbstoptimierung – das Ich steht häufig im Zentrum. Und während im Englischen konsequent das „I“ großgeschrieben wird, bleibt das „you“ klein. Im Deutschen war es einmal genau umgekehrt. Das hat mich nie losgelassen.
Das Ich wird am Du zum Ich
Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat es in einem einzigen Satz zusammengefasst:
„Das Ich wird erst am Du zum Ich.“
Wir sind nicht aus uns selbst heraus geworden, was wir sind. Wir sind in Beziehung entstanden. Biologisch – ja. Aber auch seelisch. Wir lernen sprechen, denken, fühlen, weil uns jemand anspricht. Weil uns jemand ein Du ist.
Das großgeschriebene Du ist für mich ein kleines, stilles Zeichen der Erinnerung an diese Wahrheit.
Es sagt: Ich sehe Dich. Ich nehme Dich wahr. Als mein Gegenüber. Als Du.
Ein sprachliches Zeichen für Respekt und Demut
In einer Zeit, in der laute Meinungen dominieren und stille Zwischentöne untergehen, erscheint mir das große Du wie ein kleiner Akt der Höflichkeit – oder besser: der Demut. Es sagt nicht: „Ich weiß es besser.“ Es sagt: „Ich weiß, dass ich mich auf Dich beziehe.“
Ich schreibe Du groß, …
- weil ich glaube, dass Beziehung vor Betonung des Eigenen kommen sollte.
- weil ich glaube, dass wir einander verdanken, wer wir sind.
- und weil ich glaube, dass das in der Sprache sichtbar werden darf.